Vereinigt: Mit vier Europäerinnen in einer Schwulen-Bar in Tallinn

Vereinigt: Mit vier Europäerinnen in einer Schwulen-Bar in Tallinn

Winter in Osteuropa. Das klingt kalt. Ist es auch. Ich hatte jedoch Glück mit den Temperaturen und das kälteste dürften -15°C – -20°C gewesen sein. Um das Baltikum und die Ukraine kennenzulernen, war ich vom 10.1. bis zum 6.2.2012 unterwegs. Was ich auf meiner Reise erlebt habe, könnt ihr in dieser Artikelserie lesen.
Teil 6
Ganz im Norden von Europa von Osteuropa befindet sich ein Land, dass in vielen Dingen einen Schritt voraus ist. Vor allem im IT-Bereich. Es ist quasi das gottgelobte Land für alle Nerds und Geeks. Um dorthin zu kommen, hat mein Couchsurfer-Gastgeberpärchen mir den Reisebus empfohlen. Der sei am billigsten und schnellsten. Ganz einfach und schnell haben wir am Frühstückstisch ein Ticket nach Tallinn im Internet gekauft, Sitzplatz ausgesucht, per Kreditkarte bezahlt und ausgedruckt.
Nachmittags am großen Busterminal muss ich mein übriges lettisches Geld noch in Euros umwechseln, kaufe mir ein Sandwich und eine Sprite und muss dann auch schon zum Bus. Der ist gar nicht so leicht zu finden, so viele Busse stehen hier, fahren los oder kommen an. Ganz am Ende des Bussteiges steht dann meiner, ein gelber Bus der russischen Firma Ecolines, einem der Marktführer in Osteuropa und Russland. Mein Gepäck wird eingescannt, bekommt wie beim Flughafen einen Aufkleber und im Bus selber serviert eine Stewardess Getränke. Doch das beste auf der Fahrt: kostenloses drahtloses Internet. Die Fahrt ist angenehm und ruhig. Obwohl ich heute wenig gemacht habe, bin ich müde vom Tag. Bei meiner Couchsurfer-Gastgeberin, einer Finnin, die direkt im alten Stadtzentrum an der historischen Stadtmauer wohnt, schlafe ich nach dem Duschen sofort ein.
Am nächsten Morgen geht es nach dem Frühstück raus in die Kälte, die Stadt erkunden. An der Stadtmauer entlang und dann später den Berg hoch, von wo man einen schönen Ausblick auf die Stadt hat. Schon nach einer Stunde ist mir ziemlich kalt und ich muss mich dringend aufwärmen. Ich glaub ich habe mir eine Erkältung eingefangen. Schön, dass ich meinen Tee in Euros bezahlen kann. Anschließend wird die Stadt weiter erkundet und eine Apotheke aufgesucht. Eigentlich bin ich kein Fan von Pillen und Tabletten, aber jetzt muss das mal sein, ich habe ja noch eine lange Reise vor mir. Viele schöne Fotos entstehen heute, Tallinn ist einfach wunderschön und bietet eine Menge wunderbarer Motive. Besonders gefallen mir die Giebelhäuser, sie erinnern mich an meine Heimatstadt Lüneburg.
Immer mit dabei ist auch mein Lonely Planet Reiseführer über Osteuropa, der mir schon oft weitergeholfen hat. Heute Abend empfiehlt er mir ein kleines Café/Restaurant am Rande der Innenstadt. Ich habe mich für Nudeln mit Hühnchen und Rucolasalat entschieden. Eine gute Wahl! Schon seit sehr langer Zeit hatte ich nicht mehr so leckeres Essen wie hier. Ein echter Geheimtipp.
Am Morgen hatte mich meine Couchsurfer-Gastgeberin gefragt, ob ich mit ihr zu zwei Freundinnen von ihr gehen wolle. Natürlich habe ich ja gesagt, hatte ja eh keinen Plan was ich Abends machen solle. Überraschenderweise hatte sie noch einen anderen Couchsurfer aufgenommen, einen Belgier, der dann auch mitkam. Zu dritt sind wir dann erst in einen Supermarkt, haben Chips und Bier geholt und danach zu ihren beiden Freundinnen, einer Polin und einer Ukrainerin. Die Ukrainerin arbeitet für eine NGO und macht AIDS-Auklärung an Schulen, die Polin arbeitet ebenfalls für eine NGO und die Finnin, meine Gastgeberin ist noch einen Monat lang in einem IT-Unternehmen als Übersetzerin tätig. Das Bier wird schnell getrunken, zwischendurch gibt es noch ukrainischen Wodka und selbstgemachtes Gyros. Beim Wodka wird standesgemäß zuerst auf die beiden Gastgeberinnen ein Toast ausgesprochen. Wie unterhalten uns viel über die Unterschiede zwischen den Ländern. Dazu kann ich inzwischen einiges beitragen, seit dem ich nun auch die baltischen Staaten kenne. Meine Gastgeberin muss kurz weg, ein Couchsurfer-Treffen ruft und der Belgier ist zu müde zum weiterfeiern, weshalb sie ihn zu ihr nach Hause bringt und dann kurz zum Couchsurfer-Treffen geht.
In der Zwischenzeit gibt’s noch eine Runde Wodka und das nächste Bier. Nach einer Stunde ist die Finnin wieder da und bringt noch einen Rumänin und einen Esten vom Treffen mit. Jetzt steht die Frage im Raum wo denn weitergefeiert wird. Möglichst ohne Eintritt und nicht zu schick soll der Club sein. Die Finnin schlägt die Schwulen-Bar ganz in der Nähe vor. Die Polin, übrigens Lesbin, stimmt ihr zu. Mir ist es egal, wo wir heute Abend feiern gehen, Hauptsache die Getränke sind nicht zu teuer und die Musik ist gut. Und eine Schwulen-Bar muss man ja auch mal von innen gesehen haben.
Also geht’s auf zur Schwulen-Bar. Auf halbem Weg, will sich der Este verabschieden. Er wisse nicht so richtig ob das für ihn das Richtige sei und eigentlich wolle er gar nicht mehr feiern, heute Abend. Müde sei er auch noch. Wir versuchen ihn noch zu überreden, sagen dass die Bar sich kaum von anderen unterscheidet. Er bleibt bei seiner Meinung. Tja, jetzt bin ich ganz alleine mit den Mädels.
Als wir ankommen ist es noch relativ leer, nur wenige tanzen. Die Bar sieht wirklich ziemlich normal aus. Keine Bilder mit rosa Ponys an der Wand. Keine Typen in Lack und Leder. Die Klischeeliste kann ich erst mal nur mit dicken Kreuzen versehen. Nachdem ich meine Jacke abgegeben habe, gehe ich mit der Rumänin zur Bar, das einheimische Bier will getestet werden. Schnell kommen wir ins Gespräch über politische Themen. Rumänien, Korruption und die EU, Merkel und Deutschlands Rolle in Europa. Ich erkläre ihr unser politisches System und was ich von Angela Merkel halte, sie mir wie korrupt die rumänischen Politiker seien und das es kaum Hoffnung gäbe, außer die EU greife durch. Wirklich streiten tun wir uns nur über Deutschlands Rolle in der Europäischen Union, vor allem darüber wie Merkel versucht anderen Ländern, denen es wirtschaftlich nicht gut geht einen Sparkurs aufzudrücken und alles auf einmal privatisiert wird. Es tut gut mit anderen Europäern über Europa zu diskutieren, denn oft wird nur über die EU gemeckert. Viel zu wenig gestritten. Das Bier wird langsam alle, der Mund trocken. Die nächste Runde geht auf mich und der nächste Toast auf ein Vereinigtes Europa.
Die Tanzfläche füllt sich und wir gehen von der Bar zu den anderen, die schon am tanzen sind. Neben uns tanzen jetzt zwei Frauen, in der Ecke knutschen zwei Männer. Doch dem überwiegenden Teil der Besucher ist ihre sexuelle Orientierung nicht anzusehen. Alles ganz normal und gemischt. Das es überhaupt so eine Bar gibt, ist nicht so selbstverständlich, denn in vielen osteuropäischen Ländern herrscht immer noch eine große Abneigung gegen Homosexuelle.
Die Musik die gespielt wird, kommt größtenteils aus den 80-ern; Euro-Dance ist auch dabei. Viele Lieder die beim Eurovision Songcontest gespielt wurden, erkenne ich wieder. Ein bisschen Klischee muss eben anscheinend doch sein. Doch immerhin ist die Musik gut tanzbar. So gut, dass die Rumänin und ich noch etwas länger zusammen tanzen.

 

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