Tag Archives: Wohnheim

Einführung von Internetzensur?

Einführung von Internetzensur?

Seit dem ich weiß, dass ich nach Belarus gehen werden, informiere ich mich mehrmals in der Woche über die politische Lage im Land. Das tat ich meist auf charter97.org. Um offizielle staatliche Nachrichten zu lesen, habe ich den Twitterchannel von BelTA abonniert, der staatlichen Nachrichtenagentur. Auch hier in Belarus konnte ich die Seite von Charter 97 immer problemlos öffnen, doch seit heute ist der Zugang über das Wohnheiminternet blockiert.

Bei Charter 97 handelt es sich um eine Nachrichtenseite, die hauptsächlich von Belarussen im Exil geschrieben wird. Viele Meldungen sind nicht ausgewogen oder sachlich, aber eigentlich immer wahr. Die Seite berichtet über die Dinge, die nicht in den staatlichen Medien stehen und ist mit Abstand die beliebteste Nachrichtenquelle der Opposition und allen Leute die mehr wissen wollen. Der Interdienstleister Alexa.com listet die Seite auf Platz 20 im Ranking der beliebtesten belarussischen Webseiten.

Edit: 29.3.13, 21:35 Uhr: Kaum die Meldung geschrieben, schon geht die Seite wieder. Wahrscheinlich nur ein technischer Fehler…

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Mein Block – Vom 1. bis zum 13. Stock

Mein Block – Vom 1. bis zum 13. Stock

Oft werden Plattenbauten mit negativen Wörtern in Deutschland verbunden. Plattenbausiedlungen gelten in Westeuropa gemeinhin als soziale Brennpunkte und darin wohnen wollen freiwillig nur die wenigsten. In Osteuropa und damit auch in Belarus ist das anders. Fast jeder wohnt in der „Platte“. Auch die meisten Studentenwohnheime sind in dieser Bauweise errichtet worden.

Der 13 Stockwerke zählende Bau des „Obscheschite Nr. 2“ in dem ich wohne wurde 1974 errichtet und 2004 renoviert. Dabei sollte man jedoch wissen, dass hier das Erdgeschoss schon der 1. Stock ist und nach der deutschen Zählweise das Gebäude nur 12 Stockwerke hat. Welcher Student in welches Wohnheim kommt, wird eigentlich nach Fakultäten aufgeteilt. Ausländische Gaststudenten genießen allerdings das Privileg in diesem renovierten und zentrumsnahen Wohnheim in der Oktjabrskaja Straße untergebracht zu sein. Von hier aus sind es nur zehn Minuten zu Fuß bis zum Palast der Republik.

Am Eingang sitzt meist eine ältere Frau, die kontrolliert wer reinkommt. Denn Zutritt haben nur Studenten, die auch einen Wohnausweis vorzeigen können. Wer nicht in diesem Wohnheim wohnt, muss den Ausweis seines Wohnheims an der Rezeption abgeben, sich eintragen und darf dann erst das Drehkreuz passieren. Kommen und Gehen ist jedoch auch nicht immer möglich. Bis 24Uhr hat das Wohnheim offiziell nur geöffnet, danach kommen nur diejenigen rein, die sich mit der Nachtwächterin gut gestellt haben, aber selbst darauf würde ich mich nicht verlassen. Auch das die drei Aufzüge immer funktionieren ist nicht selbstverständlich. Mir ist es zum Glück noch nicht passiert, dass ich im Fahrstuhl stecken geblieben bin, aber um in den achten Stock zu kommen, wo ich wohne, durfte ich schon des öfteren die Treppe benutzen. Der Fahrstuhltechniker sollte bei uns im Haus wohnen, dann könnte er sich die täglich Fahrt zu unserem Wohnheim sparen.

Die Zimmer haben alle drei Betten, einen Tisch, drei Stühle, einen Schreibtisch, drei kleine Regale, drei Nachtschränke und einen großen Schrank. Außerdem gibt es zwei LAN-Anschlüsse für Internet. Damit dieses funktioniert, muss ein Programm auf dem Computer installiert sein. Das dieses aufzeichnet welche Seiten besucht werden, glaube ich zwar nicht, ein gutes Gefühl gibt es mir aber auch nicht. Dass das Internet stark überwacht werden kann beziehungsweise wird ist aber klar, denn erst im Sommer hat Ericsson neue Überwachungstechnik geliefert, welche DPI (Deep Packet Inspection) möglich macht.

Seit dem 15. Oktober geht sogar unsere (zentral geregelte) Heizung. Das war der Tag an dem in ganz Minsk die Heizungen angestellt wurden, unabhängig davon wie warm oder kalt es draußen ist. Bei zu viel Wärme im Zimmer wird das Fenster geöffnet.

Auf jeder Etage gibt es eine Küche mit mehreren Herden und Backöfen, ein Zimmer für den bzw. die „FlurkommandantIn“ wie sie unter uns Deutschen heißt (ihre genaue Funktion haben wir noch nicht herausbekommen) und was am aller bequemsten ist: einen Schacht in dem sämtlicher Müll verschwindet. Das Wort Mülltrennung ist hier ein Fremdwort. Die „Flurkommandantin“ auf meinem Flur ist immer sehr nett, fragt ob alles okay ist und erinnert ans putzen, dabei sieht es bei meinem Mitbewohner und mir noch sehr ordentlich aus, in anderen Zimmern liegen Essensreste im ganzen Zimmer verteilt und unterm Tisch liegt ein Kartoffelsack aus dem die sandigen Knollen schon herausquellen. Im Wohnheim gibt es außerdem noch einen Fitnessraum, einen Lernraum, ein Fernsehzimmer und mehrere andere Freizeiträume. Aus den Küchen strömt meist ein starker Geruch von Essen. Es kann schon mal vorkommen, dass am Abend jede Etage anders riecht.

Bevor ich hierher gekommen bin, war ich davon ausgegangen, dass Gaststudenten ein Einzelzimmer bekommen, leider habe ich mich getäuscht. Jetzt wohne ich mit einem anderen Deutschen zusammen in einem Zimmer, dass ist nicht immer einfach aufgrund der fehlenden Privatsphäre. Das eigene 20qm. große Zimmer in Deutschland ist dagegen schon ein Luxus gewesen. Eigentlich sollte noch ein dritter Deutscher im Zimmer wohnen, aber der wohnt zum Glück bei seiner Freundin.

Mit dem Nachbarzimmer teilen wir uns Dusche und Bad, die von einem Vorflur, der zwischen Hauptflur und unseren Zimmern liegt, abgehen. Unsere Zimmernachbarn kommen beide aus Südkorea, sind freundlich und umgänglich, aber viel miteinander zu tun haben wir nicht.

Insgesamt habe ich aber Glück gehabt, denn es soll auch Studentenwohnheime geben, in denen vier Studenten in einem Zimmer leben. Im ersten Wohnheim in dem ich für zwei Nächte war, befand sich die Toilette auf dem Gang und die Duschen im Keller, von daher kann ich mich eigentlich nicht beschweren, ein eigenes Zimmer wäre aber trotzdem super.

Der fehlgeschlagene Versuch einen Smiley und БГУ mit dem Licht der Fenster zu schreiben.

Der fehlgeschlagene Versuch einen Smiley und БГУ mit dem Licht der Fenster zu schreiben.

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Freitag, 31.8. / Samstag 1.9.: Auf ins Abenteuer

Freitag, 31.8. / Samstag 1.9.: Auf ins Abenteuer

Sechzehn Stunden und Zweiundzwanzig Minuten hat meine Fahrt nach Minsk gedauert. Gestartet bin ich am Hauptbahnhof in Berlin, wo mich die schönste Frau in meinem Leben verabschiedete.

Da ich die letzten Wochen und Monate sehr viel für Prüfungen und Hausarbeiten machen musste, konnte ich mich kaum auf das zehn Monate dauernde Abenteuer gedanklich einstimmen. Erst jetzt begreife ich, als der Zug abfährt, dass ich wirklich unterwegs bin – nach Minsk. Eine Stadt über die in Europa kaum jemand etwas weiß und Belarus nur unter dem Label „letzte Diktatur Europas“ bekannt ist. Während meiner Hausarbeit im Seminar „Außenpolitikanalyse“, das ich im letzten Semester für mein Hauptfach Politikwissenschaft belegte, setzte ich mich mit der Außenpolitik von Belarus auseinander. Hier vor Ort zu sein, ist aber noch mal etwas ganz anderes.

Der Zug fährt los und ich lasse viel zurück: meine Freunde und Freundinnen an meinem Studienort in Jena, meine Familie in meiner Heimat Lüneburg und meine Freundin am Bahnsteig. Es ist eine Mischung aus Trauer und Vorfreude die mich erfüllt und während der Fahrt begleitet. Zwei Mal muss ich umsteigen. Die Fahrt nach Warschau, wo ich das erste Mal umsteigen soll, ist relativ entspannt. Zusammen mit einer älteren Frau die in Deutschland lebt, aber aus Polen kommt, einer Chinesin, einem Deutschen und einer jungen Polin fahr ich in einem Abteil. Die Fahrt über lese ich einen Russisch-Sprachführer um die Sprache etwas aufzufrischen. Am Bahnhof in Warschau Wschodnia muss ich umsteigen, dass war gar nicht so einfach, schließlich hatte ich einen großen Rucksack, einen riesigen Koffer und meine Kameratasche bei mir. Keine Rolltreppe oder Aufzug in Sicht, also heißt es Treppen steigen um auf den anderen Bahnsteig zu kommen.

Dort angekommen muss ich nur wenige Minuten warten, bis mein nächster Zug, mit etwas Verspätung, schließlich kommt. Es ist ein Vorortzug, der an jeder Milchkanne hält. Na toll. Dann erreicht der Zug sein Ziel: Minsk Mazowiecki. Ein Kaff irgendwo im nirgendwo. Um auf das Gleis zu kommen, von wo aus mein Nachtzug fahren soll, muss ich eine schier unüberwindbare babyblaue Treppe überwinden. Erst hoch und dann wieder runter. Natürlich hat der quitschgrüne Vorortzug seine Verspätung nicht eingeholt und ich habe weniger als fünf Minuten um meinen großen Koffer die Treppe hinauf und dann wieder hinunter zu wuchten. Schweißgebadet und vollkommen fertig erreiche ich schließlich den anderen Bahnsteig und wenige Minuten später kommt der Nachtzug auch schon. Ich steige ein und die Schaffnerin, die für meinen Wagon zuständig ist, zeigt mir mein Abteil. In dem befinden sich schon zwei Männer, beide etwa Anfang bis Mitte 50, sowie ein jüngerer, der, wie sich schnell herausstellt, der einzige ist der noch etwas anderes außer Polnisch oder Russisch kann. Ich unterhalte mich mit ihm hauptsächlich auf Französisch oder wenn ich nicht weiter weiß auf Englisch oder Russisch.

Er arbeite laut eigener Aussage für polnische Radios und wurde in Belarus geboren. Von seiner Auffassung gegenüber dem Präsidenten macht er keinen Hehl draus. Den Präsidenten Lukaschenko nennt er trotzdem nur „Mr. L“. „Man wisse ja nie ob die Schaffnerinnen den Grenzbeamten etwas erzählen“, sagt er hinter vorgehaltener Hand. Ich halte mich aus Vorsicht lieber mit meiner politischen Meinung etwas zurück, man weiß ja nie. Ich bekomme das Gefühl, als wenn ich in ein Land fahren würde, wo es die schlimmsten Repressionen geben würde, falls man etwas schlechtes über die Politiker sagen würde. Seine Vorsicht verunsichert mich. Was mag das für ein Land sein, in dem nur im Flüsterton über Politik geredet werden darf, frage ich mich. Er erzählt von Leuten die das Land verlassen hätten, weil sie mit der Politik Probleme haben. „Warum kommst du in dieses Land?“, fragt er mich, wie viele andere Menschen später auch. Dieses Land, wie er es beschrieben hat, klingt nicht nach einem Ort an dem Menschen gerne leben. Da ich Belarus aber bisher überhaupt nicht kenne, erzähle ich von meinem Interesse die russische Sprache an der Universität zu lernen, meinem Hauptgrund warum ich überhaupt nach Minsk gehe und meinem zweiten Grund: mehr über die Politik des Landes zu erfahren.

Dann kommen wir zur Grenze. Zuerst hält der Zug auf polnischer Seite und unsere Pässe werden kontrolliert. Nach einer halben Stunde an der EU-Außengrenze rollt der Zug weiter über den Grenzfluss und hält nach der Überquerung erneut. Jetzt steigen die belarussischen Grenzbeamten mit ihren riesigen Mützen ein und die Pässe werden erneut kontrolliert. Meinen bekomme ich als erster aus dem Abteil, mit einem kleinen Lächeln auf dem Gesicht der Beamtin, zurück. Hat die Ausbildung durch die deutschen Behörden doch was gebracht, denke ich mir. Keine Fragen, keine Komplikationen. Nach der Kontrolle rollt der Zug in die große Umspurhalle, wo die Achsen von der europäischen Norm zur russischen, etwas breiteren, getauscht wurden. Dies bekomme ich jedoch kaum noch mit, denn ich bin sehr müde und mir fallen die Augen zu.

Am nächsten Morgen wache ich, kurz bevor wir Minsk erreichten, auf. Auf dem Bahnsteig werde ich schon von einer Freundin, die ich aus Jena kenne, erwartet. Als erstes tauschen wir Geld und kaufen anschließend ein Monatsticket für Bus, Metro und Straßenbahn für umgerechnet rund 13 Euro. Auf dem Bahnhofsvorplatz fällt mir sofort die viele Zivilpolizei auf, ich frage meine Bekannte, warum denn hier so viel Polizei sei. „Der Präsident weiht heute die neue Fakultät für Internationale Beziehungen ein, also deine Fakultät“, erzählt sie mir. Wirklich überall ist Polizei am Bahnhof zu sehen. Leider müssen wir weiter und ich kann ihn nicht sehen.

Weiter geht es zum Wohnheim, wo ich die nächsten zehn Monate leben werde. Doch als wir ankommen machte sich Ernüchterung breit. Niemand weiß von mir. Kein Zimmer ist für mich reserviert. Also telefoniert die Empfangsdamen wieder und wieder. Wir sollen zum einem Wohnheim weiter die Straße hochgehen, dort würde ich schon erwartet werden, wird mir versichert. Wir gehen also zum anderen Wohnheim. Wir werden dort in ein Büro gebracht wo wir warten sollen. An der Wand hängt ein Foto von Präsident Lukaschenko. Ich stelle mir, in unseren Wohnheimen würden in den Büros der Administration Fotos vom deutschen Bundespräsident Gauck hängen, eine für mich sehr lustige Vorstellung. Zu unserer Überraschung werde ich in diesem Wohnheim aber gar nicht erwartet. Alles ein Missverständnis. Nach zwei weiteren Telefonaten der Empfangsdame wird mir gesagt, dass ich zwei Nächte hier übernachten soll und dann in mein richtiges Wohnheim komme.

Ich bekomme ein Zimmer im 1. Stock. Die Toilette teilt sich der ganze Flur und die Duschen befinden sich im Keller. Immerhin ist es für diese ersten zwei Nächte ein Einzelzimmer. Dazu muss man wissen, dass in Deutschland die Studenten die in Wohnheimen wohnen alle ein eigenes Zimmer haben und sich meist nie mehr als vier Personen Bad und Toilette teilen. Ein großer Luxus, den man erst zu schätzen weiß, wenn man ihn nicht mehr hat.

Kurze Zeit später, lerne ich am gleichen Tag noch eine Gruppe Österreicher kennen, die auf dem gleichen Gang wohnen, zusammen gehen wir etwas am in einem Restaurant am Prospekt essen. Plötzlich sehe ich, dass kein Verkehr mehr auf der Straße ist, da wo sonst immer Autos fahren. Dann fährt ein Polizeiauto mitten auf der Fahrbahn, dann noch eins und da hinter mehrere schwere schwarze und vor allem teure Limousinen. „Das war der Präsident für den wird immer alles gesperrt“, erklärt mir einer der Österreicher.

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Ich habe einen Wohnheimplatz

Ich habe einen Wohnheimplatz

Endlich weiß ich wo ich wohnen werde. Ich werde in Wohnheim Nr. 2 in der Octjaborskaya Straße 2 wohnen. Von außen sieht es zumindest nicht viel anders aus als ein Wohnheim bei uns in Jena. Das 1975 errichtete Gebäude wurde 2004 renoviert und hat unter anderem einen Aufenthaltsraum, einen Sportraum und einen Videoraum. Ich weiß allerdings immer noch nicht ob ich in einem Mehrbett- oder Einzelzimmer wohnen werde. Ich lasse mich überraschen.

In diesem Gebäude sind auch die anderen Austauschstudenten untergebracht.

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