Tag Archives: EU-Außengrenze

Ein Besuch in der Festung von Brest

Ein Besuch in der Festung von Brest

Letztes Wochenende habe ich einen Ausflug nach Brest gemacht. Vielen Deutschen ist die Stadt an der polnischen Grenze vermutlich vor allem wegen dem Brest-Litowsk-Vertrag während des Zweiten Weltkrieges bekannt. In Belarus denken die Menschen sofort an die Festung in Brest, wo die sowjetische Armee den Nazis fünf Tage lang Widerstand leistete, noch einen Monat später kam es zu vereinzelten Gefechten zwischen Besatzern und sich versteckenden Sowjets. Auf Grund dieses Ereignisses wurde Brest später als Heldenstadt ernannt.

Das kleine Highlight des Besuches der Festung war eine Übungsparade von Kindersoldaten jungen Menschen in Uniformen. 1997 wurder der Gedenkstätte übrigens der Titel eines “Zentrum zur patriotischen Erziehung der Jugend” vom langjährigen Präsidenten Alexander Lukaschenko verliehen. Was das heißt, konnten wir anscheinend am Samstag sehen.

Heute sind die Überreste der Festung eine der größten Touristenattraktionen des Landes. Neben der Festung befindet sich übrigens gleich die Grenze zu Polen, also die Festung Europa.

Eingang zur Brester Festung.

Eingang zur Brester Festung.

 

 

Übungsparade von (Kinder-)Soldaten.

Übungsparade von (Kinder-)Soldaten.

 

Orthodoxe Kirche auf dem Gelände der Festung.

Orthodoxe Kirche auf dem Gelände der Festung.

 

 

 

Das bekannte Eingangstor zur Festung.

Das bekannte Eingangstor zur Festung.

Grenze zu Polen/Beginn der Festung Europa: Hinten sieht man Video- und Wärmebildkameras.

Grenze zu Polen/Beginn der Festung Europa: Hinten sieht man Video- und Wärmebildkameras.

Share and Enjoy

  • Facebook
  • Twitter
  • Delicious
  • LinkedIn
  • StumbleUpon
  • Add to favorites
  • Email
  • RSS

Freitag, 31.8. / Samstag 1.9.: Auf ins Abenteuer

Freitag, 31.8. / Samstag 1.9.: Auf ins Abenteuer

Sechzehn Stunden und Zweiundzwanzig Minuten hat meine Fahrt nach Minsk gedauert. Gestartet bin ich am Hauptbahnhof in Berlin, wo mich die schönste Frau in meinem Leben verabschiedete.

Da ich die letzten Wochen und Monate sehr viel für Prüfungen und Hausarbeiten machen musste, konnte ich mich kaum auf das zehn Monate dauernde Abenteuer gedanklich einstimmen. Erst jetzt begreife ich, als der Zug abfährt, dass ich wirklich unterwegs bin – nach Minsk. Eine Stadt über die in Europa kaum jemand etwas weiß und Belarus nur unter dem Label „letzte Diktatur Europas“ bekannt ist. Während meiner Hausarbeit im Seminar „Außenpolitikanalyse“, das ich im letzten Semester für mein Hauptfach Politikwissenschaft belegte, setzte ich mich mit der Außenpolitik von Belarus auseinander. Hier vor Ort zu sein, ist aber noch mal etwas ganz anderes.

Der Zug fährt los und ich lasse viel zurück: meine Freunde und Freundinnen an meinem Studienort in Jena, meine Familie in meiner Heimat Lüneburg und meine Freundin am Bahnsteig. Es ist eine Mischung aus Trauer und Vorfreude die mich erfüllt und während der Fahrt begleitet. Zwei Mal muss ich umsteigen. Die Fahrt nach Warschau, wo ich das erste Mal umsteigen soll, ist relativ entspannt. Zusammen mit einer älteren Frau die in Deutschland lebt, aber aus Polen kommt, einer Chinesin, einem Deutschen und einer jungen Polin fahr ich in einem Abteil. Die Fahrt über lese ich einen Russisch-Sprachführer um die Sprache etwas aufzufrischen. Am Bahnhof in Warschau Wschodnia muss ich umsteigen, dass war gar nicht so einfach, schließlich hatte ich einen großen Rucksack, einen riesigen Koffer und meine Kameratasche bei mir. Keine Rolltreppe oder Aufzug in Sicht, also heißt es Treppen steigen um auf den anderen Bahnsteig zu kommen.

Dort angekommen muss ich nur wenige Minuten warten, bis mein nächster Zug, mit etwas Verspätung, schließlich kommt. Es ist ein Vorortzug, der an jeder Milchkanne hält. Na toll. Dann erreicht der Zug sein Ziel: Minsk Mazowiecki. Ein Kaff irgendwo im nirgendwo. Um auf das Gleis zu kommen, von wo aus mein Nachtzug fahren soll, muss ich eine schier unüberwindbare babyblaue Treppe überwinden. Erst hoch und dann wieder runter. Natürlich hat der quitschgrüne Vorortzug seine Verspätung nicht eingeholt und ich habe weniger als fünf Minuten um meinen großen Koffer die Treppe hinauf und dann wieder hinunter zu wuchten. Schweißgebadet und vollkommen fertig erreiche ich schließlich den anderen Bahnsteig und wenige Minuten später kommt der Nachtzug auch schon. Ich steige ein und die Schaffnerin, die für meinen Wagon zuständig ist, zeigt mir mein Abteil. In dem befinden sich schon zwei Männer, beide etwa Anfang bis Mitte 50, sowie ein jüngerer, der, wie sich schnell herausstellt, der einzige ist der noch etwas anderes außer Polnisch oder Russisch kann. Ich unterhalte mich mit ihm hauptsächlich auf Französisch oder wenn ich nicht weiter weiß auf Englisch oder Russisch.

Er arbeite laut eigener Aussage für polnische Radios und wurde in Belarus geboren. Von seiner Auffassung gegenüber dem Präsidenten macht er keinen Hehl draus. Den Präsidenten Lukaschenko nennt er trotzdem nur „Mr. L“. „Man wisse ja nie ob die Schaffnerinnen den Grenzbeamten etwas erzählen“, sagt er hinter vorgehaltener Hand. Ich halte mich aus Vorsicht lieber mit meiner politischen Meinung etwas zurück, man weiß ja nie. Ich bekomme das Gefühl, als wenn ich in ein Land fahren würde, wo es die schlimmsten Repressionen geben würde, falls man etwas schlechtes über die Politiker sagen würde. Seine Vorsicht verunsichert mich. Was mag das für ein Land sein, in dem nur im Flüsterton über Politik geredet werden darf, frage ich mich. Er erzählt von Leuten die das Land verlassen hätten, weil sie mit der Politik Probleme haben. „Warum kommst du in dieses Land?“, fragt er mich, wie viele andere Menschen später auch. Dieses Land, wie er es beschrieben hat, klingt nicht nach einem Ort an dem Menschen gerne leben. Da ich Belarus aber bisher überhaupt nicht kenne, erzähle ich von meinem Interesse die russische Sprache an der Universität zu lernen, meinem Hauptgrund warum ich überhaupt nach Minsk gehe und meinem zweiten Grund: mehr über die Politik des Landes zu erfahren.

Dann kommen wir zur Grenze. Zuerst hält der Zug auf polnischer Seite und unsere Pässe werden kontrolliert. Nach einer halben Stunde an der EU-Außengrenze rollt der Zug weiter über den Grenzfluss und hält nach der Überquerung erneut. Jetzt steigen die belarussischen Grenzbeamten mit ihren riesigen Mützen ein und die Pässe werden erneut kontrolliert. Meinen bekomme ich als erster aus dem Abteil, mit einem kleinen Lächeln auf dem Gesicht der Beamtin, zurück. Hat die Ausbildung durch die deutschen Behörden doch was gebracht, denke ich mir. Keine Fragen, keine Komplikationen. Nach der Kontrolle rollt der Zug in die große Umspurhalle, wo die Achsen von der europäischen Norm zur russischen, etwas breiteren, getauscht wurden. Dies bekomme ich jedoch kaum noch mit, denn ich bin sehr müde und mir fallen die Augen zu.

Am nächsten Morgen wache ich, kurz bevor wir Minsk erreichten, auf. Auf dem Bahnsteig werde ich schon von einer Freundin, die ich aus Jena kenne, erwartet. Als erstes tauschen wir Geld und kaufen anschließend ein Monatsticket für Bus, Metro und Straßenbahn für umgerechnet rund 13 Euro. Auf dem Bahnhofsvorplatz fällt mir sofort die viele Zivilpolizei auf, ich frage meine Bekannte, warum denn hier so viel Polizei sei. „Der Präsident weiht heute die neue Fakultät für Internationale Beziehungen ein, also deine Fakultät“, erzählt sie mir. Wirklich überall ist Polizei am Bahnhof zu sehen. Leider müssen wir weiter und ich kann ihn nicht sehen.

Weiter geht es zum Wohnheim, wo ich die nächsten zehn Monate leben werde. Doch als wir ankommen machte sich Ernüchterung breit. Niemand weiß von mir. Kein Zimmer ist für mich reserviert. Also telefoniert die Empfangsdamen wieder und wieder. Wir sollen zum einem Wohnheim weiter die Straße hochgehen, dort würde ich schon erwartet werden, wird mir versichert. Wir gehen also zum anderen Wohnheim. Wir werden dort in ein Büro gebracht wo wir warten sollen. An der Wand hängt ein Foto von Präsident Lukaschenko. Ich stelle mir, in unseren Wohnheimen würden in den Büros der Administration Fotos vom deutschen Bundespräsident Gauck hängen, eine für mich sehr lustige Vorstellung. Zu unserer Überraschung werde ich in diesem Wohnheim aber gar nicht erwartet. Alles ein Missverständnis. Nach zwei weiteren Telefonaten der Empfangsdame wird mir gesagt, dass ich zwei Nächte hier übernachten soll und dann in mein richtiges Wohnheim komme.

Ich bekomme ein Zimmer im 1. Stock. Die Toilette teilt sich der ganze Flur und die Duschen befinden sich im Keller. Immerhin ist es für diese ersten zwei Nächte ein Einzelzimmer. Dazu muss man wissen, dass in Deutschland die Studenten die in Wohnheimen wohnen alle ein eigenes Zimmer haben und sich meist nie mehr als vier Personen Bad und Toilette teilen. Ein großer Luxus, den man erst zu schätzen weiß, wenn man ihn nicht mehr hat.

Kurze Zeit später, lerne ich am gleichen Tag noch eine Gruppe Österreicher kennen, die auf dem gleichen Gang wohnen, zusammen gehen wir etwas am in einem Restaurant am Prospekt essen. Plötzlich sehe ich, dass kein Verkehr mehr auf der Straße ist, da wo sonst immer Autos fahren. Dann fährt ein Polizeiauto mitten auf der Fahrbahn, dann noch eins und da hinter mehrere schwere schwarze und vor allem teure Limousinen. „Das war der Präsident für den wird immer alles gesperrt“, erklärt mir einer der Österreicher.

Share and Enjoy

  • Facebook
  • Twitter
  • Delicious
  • LinkedIn
  • StumbleUpon
  • Add to favorites
  • Email
  • RSS