Nüchtern: Auf dem “Party-Schiff” von Tallinn nach Helsinki

Nüchtern: Auf dem “Party-Schiff” von Tallinn nach Helsinki
Kurz bevor das Schiff Helsinki erreicht geht die Sonne unter.

Kurz bevor das Schiff Helsinki erreicht geht die Sonne unter.

Winter in Osteuropa. Das klingt kalt. Ist es auch. Ich hatte jedoch Glück mit den Temperaturen und das kälteste dürften -15°C – -20°C gewesen sein. Um das Baltikum und die Ukraine kennenzulernen, war ich vom 10.1. bis zum 6.2.2012 unterwegs. Was ich auf meiner Reise erlebt habe, könnt ihr in dieser Artikelserie lesen.

Teil 7

Wie sind „die“ Osteuropäer? Wie unterscheiden sie sich voneinander in der Mentalität? Um einen möglichst großen Kontrast auf der Fahrt zu bekommen und um mal wieder nach Skandinavien zu kommen, hatte ich Helsinki auf meine Route mit eingeplant. Von meiner Couchsurferin in Tallinn bin ich dann mit meinem großen Rucksack, meiner Kameratasche um den Hals und dem Stadtplan in der Hand in Richtung Hafen gelaufen. Zum Glück ist der nicht weit vom Stadtzentrum entfernt. Vorbei an mehreren Supermärkten und Weinläden erreiche ich das Terminal. Nach dem Ticketkauf muss ich noch einige Minuten warten bis das Schiff für die Passagiere geöffnet wird.

Ich setze mich in eine Ecke auf meinen Rucksack und beobachte das Treiben. Viele Menschen mit Sackkarren sind zu sehen, darauf stapeln sich mehrere Paletten mit Bier, die so aussehen als würden sie bald runter fallen, so hoch sind sie getürmt. Mehr geht nicht. Hinten in der Ecke am Ende des Raumes im Duty Free Shop wird weiter fleißig Alkohol gekauft, vor allem Bier. Palettenweise.

Von meiner Couchsurfer-Gastgeberin in Tallinn, einer Finnin, wurde ich schon vorgewarnt. Sie hatte mir erzählt, dass die Finnen zum Alkohol trinken und Alkoholeinkauf nach Estland mit der Fähre kämen. Eine Fahrt kostet 40€ pro Person mit dieser Fähre. Die Fahrt dauert nur vier Stunden. Viele der Wartenden haben eine geöffnete Bierdose in der Hand, oder öffnen sich gerade eine neue.
Dann geht es endlich los. Die Sackkarren setzen sich in Bewegung. Die Stimmung ist heiter. Obwohl es gerade mal früher Nachmittag ist, haben sich einige hier schon volllaufen lassen. Vor mir torkeln zwei größere blonde Hünen, so wie man sich Finnen vorstellt, in Richtung Schiff. An Deck setze ich mich in einen Gang, gegenüber von einem Restaurant. Im Rücken habe ich ein großes Panoramafenster. Hier gehen die Leute entlang, wenn sie etwas essen wollen oder zu einem der Shops wollen. Ein guter Beobachtungsplatz.
Das Schiff legt ab und nach einigen Durchsagen zur Sicherheit an Bord des Schiffes, wird die Öffnung des Duty Free Shops verkündet. Ein Traube von Menschen strömt jetzt in diese Richtung, so als hätten sie in Tallinn nicht genug die Gelegenheit gehabt einzukaufen. Die Menschen auf dem Schiff kommen aus fast allen Altersklassen, nur Kinder sind sehr wenige zu sehen. Wahrscheinlich wurden die alle zu Hause gelassen, damit sie nicht sehen, wie Mama und Papa sich hier die Kante geben.
Von den relativ normal wirkenden Leuten bis hin zu stark torkelnden sind alle Rauschstufen zu beobachten. Zwei Männer, etwa Mitte 30, sehen so aus als hätten sie sich in der letzten Nacht mit den falschen Leuten angelegt. Die violetten Ringe um die Augen und die blauen Flecken im Gesicht sehen nicht gerade nach Laternenpfahl aus. Aber das Bier im Plastikbecher schmeckt anscheinend auch ihnen. Mal mit einem halb leeren, mal mit einem vollen Becher kommen sie mehrmals an mir vorbei.
Mit der Zeit bekomme ich Hunger auf etwas deftiges. Ich entschließe mich die 20€ für das Buffet zu investieren und esse mich die verbleibenden 1,5 Stunden durch alle möglichen Sorten von Fleisch, Fisch, Sushi und Beilagen. Ich komme mir schon ein bisschen dekadent vor. Aber man muss sich ja auch mal was gönnen. An meinem Fensterplatz sehe ich, wie das Schiff auf eine große weiße Fläche zufährt. Kann das Schiff durch Eis fahren? Frage ich mich. Noch nie zuvor bin ich mit einem Schiff durch Eis gefahren. Die große weiße Fläche stellt sich als große Ansammlung kleiner- und mittelgroßer Eisschollen heraus. Am Ende ist mir schon etwas schlecht vom vielen Essen. Ich beschließe etwas frische Luft zu schnappen und gehe nach draußen. Dort ist es kalt, sehr kalt. Kalte Luft + Fahrtwind = -°C, mindestens, gefühlt. Das Schiff erreicht gerade die Küste und kleine Inseln sind zu sehen. Eine Frau, in etwa Mitte 50, die gerade zum rauchen nach draußen gegangen ist, spricht mich an: „We are here on a partyship. We go to Estonia to buy cheap alcohol, stay the night and have a looot of fun“, erklärt sie mir. Offensichtlich ist die Frau stark betrunken und weiß nicht wirklich was sie sagt. Nach ein paar weiteren erklärenden Sätzen wie „We are all drunk and happy!“ verabschiede ich mich und gehe wieder rein, zu kalt ist es draußen und das Schiff schon fast im Hafen.

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