Ich lese das, was kaum einer liest – Medien in Belarus: Zeitungen (Teil 2)

Ich lese das, was kaum einer liest – Medien in Belarus: Zeitungen (Teil 2)

Fortsetzung von Teil 1

Аргументы и Факты

Die belarussische Ausgabe der Wochenzeitschrift „Argumente und Fakten“ kostet etwa 0,31€. Das ist sehr günstig für eine Zeitung die 48 Seiten umfasst, auch für belarussische Verhältnisse. Aufmacher der von mir gekauften Ausgabe ist die Geschichte der Minsker Metro. Nicht gerade ein Knüller, doch hier ist es üblich viel über die Vergangenheit zu schreiben. Viele andere Zeitungen haben ebenfalls einen festen Platz für Artikel über geschichtliche Ereignisse. Entweder scheint es die Menschen hier sehr zu interessieren oder den Journalisten fällt nichts besseres ein, bzw. die Sachen die sie gerne schreiben würden sind mit einem Risiko verbunden.

Das Layout der AiF hebt sich nicht sehr viel von normalen Tageszeitungen ab, nur die Qualität ist besser.

Insgesamt ist die Zeitung journalistisch anspruchsvoller gemacht. Weitere Themen im Blatt sind: Doping bei Chinas Olympioniken, Armut in Belarus, ein belarussischer Segler-Pionier, Bio-Lebensmittel in Belarus sowie ein Artikel über das Leben im Studentenwohnheim. Auf der letzten Seite werden Fragen von Lesern zu meist kuriosen Fotos aus aller Welt beantwortet. Auf den acht Seiten davor gibt es vermischtes über Geschichte, Frauenprobleme und Kreuzworträtsel in der Rubrik „Freizeit“. Große Politik findet sich auch hier nirgends.

Наша Нiва

Wirklich politische Themen lassen sich erst im Wochenblatt Nascha Niwa finden, was so viel bedeutet wie „Unsere Flur“. Das Blatt das für 0,37€ zu haben ist, schreibt ausschließlich auf belarussisch. Gleich neben dem Titel der Zeitung steht in roter Farbe umrahmt: „Unabhängige Zeitung“. Aufmacher ist ein Artikel mit der ironischen Überschrift „Lukaschenko mon amour“. Darunter ist ein schwarzer Block in dem „500$ Coming soon…“ steht, was auf den vom Präsidenten versprochenen Durchschnittslohn von 500$ anspielt. Viele weitere politische Themen lassen sich im Heft finden, unter anderem über Dissidenten. Auf der Kulturseite werden, ähnlich wie in Deutschland, verschiedene Themen besprochen, die eher eine gehobene Bürgerschicht ansprechen. Sehr interessant scheint auch eine Reportage eines Minsker Studenten, der im Iran war. Da ich aber belarussisch fast gar nicht verstehe, kann ich sie leider nicht lesen. Immerhin habe ich hier eine Zeitung mit einem anständigen Politikteil gefunden. Jetzt muss ich nur noch belarussisch verstehen können…

Nachdem ich ich so viele Zeitungen gelesen habe, hoffe ich, dass ich einen ganz ganz nachrichtenarmen Tag erwischt habe, an dem rein gar nichts im Land passiert ist: keine Politik gemacht wurde, keine Stars und Sternchen etwas gemacht oder erlebt haben über das der Boulevard berichten könnte, im Land kein Sport getrieben wurde und keine kulturellen Ereignisse passiert sind. Dann hätten die Zeitungen den Tag ganz passabel überstanden.

Doch Spaß beiseite. Das kaum jemand Zeitung liest, trotz der niedrigen Preise, ist kein Wunder bei so einer Qualität. Über das Ausland wird fast gar nicht berichtet und auch große Inlandsreportagen waren nicht zu finden. Stattdessen werden die Zeitungen mit Rätseln, Artikeln über geschichtliche Ereignisse und belanglosen Rezepttipps gefüllt. Nur eine einzige der von mir gekauften Zeitungen hat überhaupt in ihren Artikeln regelmäßig Links zu ihrer Homepage eingebaut, ein Trend der sich in Deutschland inzwischen auch bei Lokalzeitungen durchsetzt.

Gegen das Zeitungssterben hier in Belarus ist das in Deutschland eine ganz andere Liga, denn hier in Belarus ist noch viel Platz nach oben auf der Qualitätsskala. Die Frage ist nur, wann sie genutzt wird. Nur wenige Zeitungen wie die Nascha Niwa oder die Prawda machen ein wenig Hoffnung, dass es in Belarus doch noch gute Zeitungsmacher gibt.

Was haltet ihr, die schon in Belarus ward oder seid, von den Zeitungen? Haben sie noch eine Zukunft?

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