Internationaler Frauentag: Kein #Aufschrei in Belarus

Internationaler Frauentag: Kein #Aufschrei in Belarus

Nichtsahnend gehe ich heute Morgen in die Uni, auf dem Weg will ich noch einen kleinen Snack in einer Unterführung kaufen. Den 8. März, also den Internationalen Frauentag, hatte ich nicht vergessen, aber dass heute schon alle Blumen verschenken, daran habe ich nicht gedacht. Selbstverständlich ist morgen Feiertag, deshalb verschenken die Männer heute Blumen. Dicht an dicht stehen die BlumenverkäuferInnen in der Unterführung und verkaufen Rosen und vor allem Tulpen. Die Luft duftet wie in einem Blumenladen.

Erst als ich die Unterführung passiert habe, fällt mir auf, dass fast alle Frauen auf der Straße mit einer Blume oder einem ganzen Strauß herumlaufen. Doch niemals mit einer geraden Anzahl an Blumen, denn nach russischem Aberglauben, bringt eine gerade Anzahl Unglück. Der Tag ist ein Ritual, der seit dem Beginn der Sowjetunion dazugehört.

Eigentlich eine gute Sache, dass die Arbeit der Frau gewürdigt wird. Doch das schlimme an einem Ritual ist die Tatsache, dass es keine Diskussion um die Rolle der Frau in der Gesellschaft gibt. Sie wird für einen Tag geehrt und am nächsten Tag ist wieder Alltag.

Dieser Alltag ist in Belarus und auch natürlich auch in Russland nicht ganz einfach. Von der Frau wird erwartet, neben der Arbeit auch noch früh zu heiraten und Kinder zu bekommen. Diese Doppelbelastung ist eine Selbstverständlichkeit und gehörte schon in der Sowjetunion zur Normalität. Der Mann profitiert, weil Hausarbeit hier meist immer noch Frauenarbeit ist. Aber zum Glück gibt es ja den Weltfrauentag, an dem der Mann dann auch mal den Tisch deckt und den Abwasch macht.

Von einer Sexismusdebatte, wie in Deutschland, sind Belarus und Russland weit entfernt. Kein Aufschrei. Keine Debatte über die Rolle der Frau in der Gesellschaft. In der Öffentlichkeit und in der Familie ist die Frau eher ein Anhang des Mannes. Dies zeigt auch die Begrüßung, wenn ein Paar einen Mann trifft und nur die Männer sich kennen. Dann ist es üblich, dass der fremde Mann der Frau nur Hallo sagt, aber nicht die Hand gibt. Umgekehrt ist es so, dass erwartet wird, dass der Mann der Frau die Tür aufhält, die Frauen halten Männern hingegen nur äußerst selten die Tür auf. Bei einem Treffen zwischen einem Mann und einer Frau, wird erwartet, dass der Mann bezahlt, so lange bis die Frau darauf besteht die Hälfte zu bezahlen.

Die Gleichberechtigung in den Berufen ist hingegen weiter fortgeschritten. Während in (West-)Deutschland erst seit einigen Jahren auch Busfahrerinnen zu sehen sind oder Frauen die Straßen kehren, ist es hier selbstverständlich, dass Frauen auch solche Berufe ausüben. In den belarussischen Krankenhäusern sind fast nur Ärztinnen anzutreffen, während in Deutschland die Krankenhäuser noch eine Männerbastion sind.

Es ist für westeuropäische Ausländer ein Paradox, warum Frauen in den Berufen relativ gleichberechtigt sind, im privaten Leben es aber immer noch sehr konservativ zu geht. Die größte Erklärung ist vermutlich die Geschichte. Denn in der Sowjetunion sollten Frauen zwar auch “Männerberufe” ausüben, aber gleichzeitig möglichst mehrere Kinder bekommen. Rituale wie der Internationale Frauentag kaschieren die Ungleichberechtigung, den schlechten Umgang mancher Männer und den alltäglichen Sexismus.

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