Getroffen: Die belarussische Opposition an der Dönerbude in Vilnius

Getroffen: Die belarussische Opposition an der Dönerbude in Vilnius
Der Marktplatz von Vilnius. Foto: Jan-Henrik Wiebe

Der Marktplatz von Vilnius. Foto: Jan-Henrik Wiebe

Winter in Osteuropa. Das klingt kalt. Ist es auch. Ich hatte jedoch Glück mit den Temperaturen und das kälteste dürften -15°C – -20°C gewesen sein. Um das Baltikum und die Ukraine kennenzulernen, war ich vom 10.1. bis zum 6.2.2012 unterwegs. Was ich auf meiner Reise erlebt habe, könnt ihr in dieser Artikelserie lesen.

Teil 1

Früh morgens geht es von Minsk nach Vilnius. Die Zugfahrt dauert gerade mal knapp drei Stunden, doch zwischen den beiden Städten scheinen Welten zu liegen. Auf der einen Seite Minsk: Eine eher graue Stadt die im Stalinstil erbaut wurde, in einem Land das als politisch unfrei beschrieben werden könnte, mit seinem langjährigen Präsidenten Alexander Lukaschenko. Das Stadtbild wird von vielen Soldaten und Polizisten geprägt. Die Häuser sind eher hoch und eine wirkliche Altstadt gibt es nicht, denn die Stadt wurde im Zweiten Weltkrieg fast vollständig von den Deutschen zerstört.

Auf der anderen Seite Vilnius: Die Stadt mit seinen über 50 Kirchen wird auch als „Rom des Ostens“ bezeichnet und hat den Namen mehr als verdient, wie ich später feststellen werde.

Der Zug nach Vilnius ist relativ voll. Außer mir sitzen noch zwei weitere Männer im Abteil, aber die sind still, lesen Zeitung oder rauchen draußen eine Zigarette. Nach einiger Zeit kommt die Grenze zu Litauen. Hier an der EU-Außengrenze wird streng kontrolliert. Die belarussischen Zöllner kommen rein, holen die Pässe. Als eine Zöllnerin die Pässe zurückgibt, fragt sie auf Deutsch ob ich etwas zu verzollen habe: „Alkohol oder Zigaretten?“ „Nein!“, antworte ich. Sie wünscht mir noch eine gute Reise und eine gute Fahrt. Dann fährt der Zug wieder los, hält nach zehn Minuten Fahrt wieder an. Schon wieder Kontrolle, dieses Mal von den litauischen Grenzbeamten. Auch sie haben einen Mini-Computer dabei, durch den sie den Pass ziehen. Auch hier reden die Zöllner nicht auf Russisch mit mir, sondern dieses Mal auf Englisch. Nach einigen Minuten Fahrt erreicht mich folgende SMS: „Willkommen in der EU. Sie nutzen den Auslandstarif International. […,] gelten folgende Preise: Anruf nach Deutschland und ins Reiseland 34 Cent pro Minute. Eingehende Anrufe 9 Cent pro Minute. SMS Versand: 10 Cent pro SMS.“ Super, denke ich mir. Diese Regelung die auf eine EU-Verordnung zurückgeht, zeigt sehr deutlich, wie die Europäische Union bestimmte Dinge angleicht und dies zum Vorteil von sehr vielen Menschen.

Bei meiner Ankunft fängt es an zu schneien, es ist immer noch früh am Morgen, denn in Minsk wird nicht auf Winterzeit umgestellt und ich muss meine Uhr um eine Stunde zurückstellen. Pünktlich mit meiner Ankunft in Vilnius, fängt es an zu schneien. Die vielen Häuser aus der Barockzeit sind geradezu niedlich im Vergleich zu Minsk, wo Stalins Neoklassik das Stadtbild beherrscht. Alles wirkt wie unter einer Schneekugel die kurz vor meiner Ankunft extra für mich geschüttelt wurde. Vom Hauptbahnhof gehe ich in Innenstadt zum Marktplatz. Bis ich meine Couchsurfer-Gastgeberin treffe, habe ich noch zwei Stunden Zeit. Zuerst gehe ich zu einer Bank am Marktplatz, wo ich meine Euros in Litas umtausche. Ein paar Häuser weiter finde ich dann ein niedliches kleines Café, dass wie sich später herausstellt zu einer litauischen Café-Kette gehört. Wie selbstverständlich gibt es dort WLAN. Alles scheint hier moderner zu sein als in Minsk. Fast alle Kunden bezahlen hier ihren Kaffee mit ihrer EC-Karte. Sogar vegetarische Wraps und Baguettes gibt es hier. Kaffee und Tee sind günstiger als in den meisten Cafés in Minsk.

Meine Gastgeberin für die kommenden zwei Nächte wohnt am Rande der Altstadt zusammen mit ihren MitbewohnerInnen in einem alten Holzhaus am Fluss. Es wirkt schon etwas baufällig, aber innen drin ist es warm und schön. Die große Küche im Haus lässt gleich ein gewisses WG-Gefühl aufkommen. Oben im ersten Stock ist ihr Zimmer, dass sie sich mit einer Mitbewohnerin teilt, genauso wie die Matratze auf der sie zusammen schlafen. Auch ich werde dort im Zimmer auf eine Isomatte schlafen.

Bevor ich aufbreche und die Stadt erkunde, unterhalten wir uns in der Küche über alles was uns interessiert. Von Politik bis Musik. Ihr Mitbewohner kennt ein deutsches Musikvideo mit Hirschen die immer weniger werden, er könne sich aber nicht mehr erinnern wie das Lied und die Band heißen. Als Kenner der zumindest populären deutschen Punkmusik kann ich ihm weiterhelfen: 10 kleine Jägermeister von den Toten Hosen ist das gesuchte Lied.

Am Nachmittag um erkunde ich die Altstadt. Die Stadt ist über die Jahre ein großer Touristenmagnet geworden, zum Glück nicht im Winter, deshalb bin ich fast der einzige der hier mit einer Kamera herumläuft.

Früher war die Stadt mal ein Zentrum belarussischer Kultur. Sogar die erste belarussische Zeitung „Nascha Niwa“ wurde hier 1906 gegründet. Sie gibt es heute noch und zählt zu den wenigen oppositionellen Zeitungen. Auch heute noch finden hier viele kulturelle Veranstaltungen statt, doch nicht weil hier so viele Belarussen leben, sondern weil viele oppositionelle Musikgruppen im Nachbarland nicht auftreten dürfen.

Nach dem ich den ganzen Tag lang die Stadt erkundet habe, bekomme ich am Abend Hunger. Doch wo etwas essen? Wie von einem Lichtstrahl vom Himmel erleuchtet, tut sich vor mir eine Dönerbude auf. Ein Zeichen des Himmels? Endlich mal wieder Döner, denke ich mir und gehe zu der Bude hin. Ich muss warten. Vor mir steht ein Mädchen und scheint den ersten Döner ihres Lebens zu bestellen. Immer wieder muss der Verkäufer nachfragen, was sie haben will. Sie unterhalten sich auf Russisch, was eigentlich eher ungewöhnlich ist, denn die russische Minderheit hier ist eher klein und auf der Straße wird nur Litauisch gesprochen. Vermutlich ebenso eine Touristin, denke ich mir. Nachdem das Mädchen ihren Döner bekommen hat, bestelle ich meinen, ebenfalls auf Russisch. Das Mädchen hat sich währenddessen an einen Stehtisch neben mich gestellt. Als auch ich meinen ersehnten Döner erhalten habe, stelle ich mich zu ihr, spreche sie an und frage woher sie komme. Ich hatte es schon fast vermutet, aber nun die Bestätigung bekommen. „Ich komme aus Belarus“, sagte sie zu mir auf Russisch. Draußen ist es kalt, vor allem wenn man nur steht und sich nicht bewegt. Vermutlich deshalb schlägt sie vor, doch in die beheizte Dönerbude zu gehen.

Wir setzen uns an einen Tisch, unterhalten uns kurz auf Russisch, bis wir feststellen, dass für ein weiteres Gespräch über komplizierte Themen, es besser sei sich auf Englisch zu unterhalten. Ich erwähne, dass einige meiner belarussischen Freunde nach Vilnius für Konzerte fahren. So kommen wir schnell auf die Opposition zu sprechen. Vom ersten Moment an, habe ich gespürt, dass auch sie dazu gehört. Vielleicht liegt es daran, dass sie eher alternativ aussieht oder an ihrem freundlichen Lächeln. Zumindest stellt sich heraus, dass sie für eine Journalistenorganisation arbeitet und für diese Artikel von Belarussisch in das Englische übersetzt. Unsere weitere Unterhaltung dreht sich um die relativ kleine Szene oppositioneller Zeitungen und Webseiten. Ich erzähle, dass ich für generation.by schreibe, eine Internetseite die sich hauptsächlich mit Kultur beschäftigt. Viel gebe ich nicht von mir preis, man weiß ja nie. Es ist eine Art Schutz, den ich mir inzwischen angewöhnt habe, auch bei Menschen die mir sympathisch sind, denn der KGB in Belarus ist wie eine Krake. Er hat lange Arme und man weiß nie genau, wo in der trüben See die Arme auftauchen.

Der Döner schmeckt übrigens schrecklich, ziemlich trocken, aber trotzdem fettig und die Sauce ist auch kein wirklicher Hochgenuss.

Sie sei gerade auf einem Seminar in Vilnius, fahre aber am nächsten Tag schon wieder zurück nach Minsk, erfahre ich. Nachdem ich mit meinem Döner fertig bin, beschließen wir noch ein paar Meter zu gehen, sie packt ihren Döner ein. „Man weiß ja nie, wenn mich wieder ein Bettler um Geld fragt, werde ich ihm den Döner anbieten“, kommentiert sie meinen ungläubigen Blick und die, im Vergleich zu Minsk, recht vielen Bettler in der Stadt. Wir gehen noch ein paar Meter zusammen, dann trennen sich unsere Wege, sie müsse jetzt zum Hotel, sagt sie, hält einen Moment inne und fragt dann wohin ich muss. Ich deute in Richtung Flussufer und erkläre das ich Couchsurfing mache und dort meine Gastgeberin wohne. Wieder ein paar Sekunden stille. Ich schlage vor, dass wir uns in Minsk ja wiedersehen könnten und wir Facebook-Adressen austauschen könnten. Nach dem wir das getan haben, trennen sich unsere Wege.

Ein paar Tage nach unserer Begegnung bekomme ich eine Freundschaftsanfrage von ihr auf Facebook. Ich nehme sie an. Zuerst schockt mich ihr Alter, sie ist ein Jahr älter, und dann die Fotos mit einem kleinen Mädchen – ihres? Das auf vielen Fotos noch ein Typ drauf ist, ist dann schon Nebensache.

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