Gehört: Geschichten aus der Sowjetunion von Romualdas

Gehört: Geschichten aus der Sowjetunion von Romualdas
Mein Couchsurfer-Gastgeber Romualdas am Küchentisch. Foto: Marco Fieber

Mein Couchsurfer-Gastgeber Romualdas am Küchentisch. Foto: Marco Fieber

Winter in Osteuropa. Das klingt kalt. Ist es auch. Ich hatte jedoch Glück mit den Temperaturen und das kälteste dürften -15°C – -20°C gewesen sein. Um das Baltikum und die Ukraine kennenzulernen, war ich vom 10.1. bis zum 6.2.2012 unterwegs. Was ich auf meiner Reise erlebt habe, könnt ihr in dieser Artikelserie lesen.

Teil 3

Nachdem mich meine Mitfahrgelegenheit abgesetzt hat, stehe ich vor dem Haus von Romualdas. Er ist Anfang 60, Rentner und wohnt in einem kleinen Haus etwas außerhalb von Klaipeda in der Nähe vom Meer. Auf der Couchsurfing-Seite hatte ich schon gesehen, dass er sehr viele Gäste zu Besuch hatte, unter anderem einen guten Freund von mir.

Ich klopfe an der Tür. „Komm rein“, ruft eine laute Stimme. Ich öffne die Tür und stehe in einer kleinen Küche. Vor mir sitzt Romualdas an kleinen Küchentisch und raucht gerade eine Zigarette. Langsam steht er auf, stützt sich auf eine Krücke und erzählt, dass er mich schon erwartet habe. Er müsse nur noch schnell das Abendessen aufwärmen. Ich bin zwar nicht sehr hungrig, aber es wäre jetzt sehr unhöflich zu sagen, dass ich jetzt nichts mehr essen wolle. Mein Gepäck solle ich in den hinteren Raum, das Gästezimmer, bringen.

Als das Essen nach wenigen Minuten fertig aufgewärmt ist, sitzen wir zusammen am Küchentisch. Es gibt Kartoffelbrei und Hackklöße. Während des Essens, erzähle ich von meiner Reise die ich gerade mache, dass ich in Minsk studiere und das ein guter Freund auch schon mal hier war. Natürlich kann sich Romualdas an in ihn erinnern. An jeden seiner Gäste kann er sich erinnern. Nach dem ich aufgegessen habe, sprechen wir noch ausgiebiger über meine Reise, wo ich überall hin will und warum ich denn ausgerechnet jetzt im Winter reise. Ich erzähle von meiner Reiseroute und erkläre, dass ich im Sommer keine Zeit habe, weil ich dann noch studiere, beziehungsweise ein Praktikum mache.

Das Theater und der Simon-Dach-Brunnen mit dem Ännchen von Tharau.

Das Theater und der Simon-Dach-Brunnen mit dem Ännchen von Tharau.

Drei Nächte verbringe ich in Klaipeda, eine Nacht mehr als eigentlich geplant, aber das ist zum Glück kein Problem für den Rentner. Die nächsten Couchsurfer, übrigens auch aus Belarus, kommen erst in ein einer Woche. Geändert hat sich mein Plan deswegen, weil ich eigentlich vor hatte in Nida eine Nacht zu verbringen. Dies stellte sich jedoch als ein Problem heraus, da die Fähren nicht so oft fahren und ich dann Probleme bekommen hätte nach Riga zu kommen.

An meinem ersten richtigen Tag in der ehemals Memel heißenden Stadt mache ich einen ausgiebigen Spaziergang durch die Innenstadt, den ich auf Grund der kalten Temperaturen zwei mal mit einem Aufenthalt in einem Café unterbrechen muss. Noch heute sind die Spuren der deutschen Vergangenheit an den Häusern sichtbar.

Der Hafen von Klaipeda.

Der Hafen von Klaipeda.

Am Abend sitze ich mit meinem Couchsurfer-Gastgeber wieder am Küchentisch, wieder gibt es deftige Kost. Der Raum ist gefüllt von Zigarettenqualm. Die vermutlich vom Wetter gegerbten faltigen Finger von Romualdas halten fast pausenlos eine Zigarette in der Hand. Reisen tut er nicht mehr, sein eines Bein will nicht mehr so. Ohne Krücken geht nichts mehr. Dafür kann er viele spannende Geschichten von früher erzählen, von der Sowjetunion, wie er Kühe in den Kaukasus brachte, wie seine Milchkühe in der Steppe von Tadschikistan abmagerten und schon bald geschlachtet werden mussten. „Aber Plan ist Plan“, erklärt er. „Die wollten die guten Milchkühe aus Litauen auch in Asien haben, also mussten sie per Zug dorthin transportiert werden, doch das gelang natürlich nicht.“ Damals arbeitete er als Cowboy und brachte Kühe und Schafe aus dem Baltikum in die entlegensten Teile der Sowjetunion.

„Dort hatte wohl niemand die Böden und das Klima bedacht“, erzählt er verärgert. Nein, die Sowjetunion mag er nicht wirklich. Er ist froh über Litauens heutige Unabhängigkeit von Russland. Dennoch sieht er auch positive Seiten an der damaligen Wirtschaft. „Was wäre wohl aus der Sowjetunion bloß geworden, wenn es damals schon Couchsurfing gegeben hätte“, schwärmt er. „Zugfahrten waren damals so günstig, nur die Hotels waren teuer. Nicht auszudenken wie viel man dann hätte reisen können. Vielleicht hätte das sogar die Sowjetunion gerettet.“

Neben seiner Tätigkeit als Kuh- beziehungsweise Schafhirte war er auch eine Zeit lang im Hafen von Klaipeda tätig. Dort traf er unter anderem auch auf Matrosen aus Deutschland, sowohl aus der DDR als auch der BRD. „Die haben sich im Lokal jedoch nie miteinander unterhalten. Die Ostdeutschen hatten Angst, dass einer aus ihrer Mannschaft für die Stasi arbeiten könnte, was auch meist so war, denn in jedem Betrieb und in jeder Arbeitsbrigade gab es mindestens einen Spitzel. Wir haben meist Waren von den Westdeutschen gekauft, wie zum Beispiel Jeans und dann später über Freunde und Bekannte weiterverkauft, oft nach Russland oder an die Ostdeutschen.“ Das alles erklärt er mir in fließendem Englisch. Woher er so gut Englisch könne, will ich wissen. „Ich hatte Englisch in der Schule, als ich im Hafen gearbeitet habe musste ich es oft benutzen und die vielen Couchsurfer die jetzt zu Besuch kommen halten meine Sprachkenntnisse auch fit.“

Couchsurfing ist genau seine Sache, seit dem er nicht mehr verreisen kann, kommt die Welt zu ihm. „Ich hatte schon Menschen aus sehr vielen Ländern bei mir“, erzählt er und fängt dann aufzuzählen: „USA, Australien, Rumänien, Deutschland. Nur aus Afrika hatte ich noch niemand zu Besuch, ich hoffe das ändert sich noch.“ Dann überlegt er kurz. „Nächste Woche kommen zwei Mädchen aus Belarus vorbei.“ Wir unterhalten uns noch mehr über das Couchsurfing, er ist ja inzwischen ein richtig erfahrener Profi und ich noch ein absoluter Anfänger. Er gibt mir viele Tipps mit auf den Weg, zum Beispiel soll ich immer bei mehreren gleichzeitig anfragen und ein ausführliches Profil haben, dann klappt das auch schon. Offene Anfragen würden meist nichts bringen. Ich will wissen, wer denn die Besucher seien, die am interessantesten waren. „Das war ein Pärchen aus Deutschland, die wollten von Deutschland über Litauen nach St. Petersburg, Moskau und Peking, alles mit dem Fahrrad fahren. Ich habe gelacht und ihnen geraten in Russland mit dem Zug zu fahren. Sie wussten nicht auf was sie sich da einlassen. Die Straße von von St. Petersburg nach Moskau ist selbst für Autofahrer gefährlich.“, erklärt er sichtlich amüsiert. Ob sie die Reise überlebt und alles geschafft haben, wisse er jedoch nicht.

Eigentlich will er gerade keine Gäste aufnehmen, weil er gerade das Badezimmer mit einem Freund umbaut, aber wenn sich jemand meldet und niemand anderes in Klaipeda findet, kann er oder sie gerne kommen. Meine Anfrage hat er nur sofort positiv beantwortet, weil ein guter Kumpel von mir schon bei ihm zu Gast war.

Dann kommen wir auf das Thema Europa zu sprechen. Eigentlich findet er das eine gute Sache, denn Litauen profitiere sehr und gerade das Schengen-Abkommen ist, seiner Meinung nach, eine großartige Sache, besonders für junge Menschen die viel reisen. Andererseits befürchtet er, dass zu viele junge Menschen aus Litauen weggehen. „Ohne Europa würde es uns jetzt so gehen wie Belarus oder der Ukraine“, sagt er.

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