Gegangen: Als vermutlich einziger Tourist in Vitebsk auf Chagalls Spuren

Gegangen: Als vermutlich einziger Tourist in Vitebsk auf Chagalls Spuren

Winter in Osteuropa. Das klingt kalt. Ist es auch. Ich hatte jedoch Glück mit den Temperaturen und das kälteste dürften -15°C – -20°C gewesen sein. Um das Baltikum und die Ukraine kennenzulernen, war ich vom 10.1. bis zum 6.2.2012 unterwegs. Was ich auf meiner Reise erlebt habe, könnt ihr in dieser Artikelserie lesen.

Teil 10

Es ist noch sehr früh am Morgen, als mein Zug aus Riga in Vitebsk ankommt. Ich bin müde, auf Grund der Grenzkontrollen auf halber Strecke konnte ich auch nicht viel schlafen. Im Bahnhof von Vitebsk suche ich zuerst die Gepäckabgabe, bringe dort meinen großen Rucksack hin, und gehe dann auf die Suche nach einer ruhigen Ecke wo ich noch vielleicht ein Stündchen dösen kann. Im 1. Stock werde ich fündig, dort gibt es einen großen Saal, der halbdunkel ist. Ich trete ein und gehe zur nächsten Bank. Meine Kamera und einen Rucksack mit Karten, Reiseführer und was zu essen benutze ich als Kopfkissen. Plötzlich höre ich hinter mir eine Stimme, die anscheinend mich meint. Ich gehe zu der älteren Frau und will wissen, was denn los sei. Ich dachte erst das sie mein Zugticket sehen will, aber das will sie gar nicht. Sie zeigt ein Schild. Darauf steht, dass man für den Aufenthalt in diesem Saal bezahlen muss. Also gut, ich gebe der Frau das Geld für die nächsten zwei Stunden und lege mich schlafen.
Nach knapp einer Stunde geht plötzlich das Licht an, keine Chance mehr weiter zu schlafen. Ich versuche langsam wach zu werden, gehe zu einem kleinen Restaurant wo es Tee und etwas zu essen gibt. Draußen ist es immer noch dunkel und so richtig werde ich nicht wach. Red Bull oder ähnliches ist im Bahnhof leider nicht zu bekommen. Normale Supermärkte öffnen erst um 8Uhr.
Als es beginnt heller zu werden, mache ich mich auf den Weg in die Stadt. Ein langer breiter Prospekt führt vom Bahnhof über einen zugefrorenen Fluss in die Innenstadt. Am Fluss sind zwei Kirchen zu denen ich gehe. Denn dort ist es meistens ziemlich gut geheizt. Draußen ist es ziemlich kalt, immerhin werde ich langsam wacher. Ich fühle mich aber irgendwie fremd hier, alle gehen zur Arbeit, nur ich schaue mir die Stadt an. Vermutlich als einziger Ausländer an diesem Tag. Wer kommt auch schon im tiefsten Winter in den Osten von Belarus.
Mein nächstes Ziel ist das Chagall Museum. Dort sollen ein paar seiner Werke ausgestellt sein. Viele Menschen außerhalb von Belarus denken, er sei Franzose, dabei kommt Marc Chagall eigentlich aus Vitebsk. Leider bin ich zu früh dort, das Museum öffnet erst in zwei Stunden. In der Zwischenzeit gucke ich mir noch ein bisschen die Stadt an und finde im Reiseführer ein weiteres Museum, das Museum über die Region Vitebsk. Super, denke ich mir. Dort angekommen, zahle ich etwa 1€ Eintritt für alle Ausstellungen, inklusive Studentenrabatt. An der Garderobe ist meine Jacke die erste am heutigen und vermutlich auch die letzte. Eine der Frauen die in der Lobby noch eben sich unterhalten hat mit zwei anderen, führt mich nun zur ersten Ausstellung in den 1. Stock. Es ist die Naturkundeausstellung. Ich fühle mich zurück in die Schulzeit versetzt. Wirklich interessieren tun mich die ausgestopften Tiere nicht wirklich. Highlight: Ein lebensgroßer Elch. Alles sehr im Sowjetstil hier. Immerhin liegt kein Staub auf den Tieren. In jeden Raum in den ich komme, sitzt eine Frau etwa Ende 50, etwas adipös, meist mit einem Kreuzworträtselheft, das ist anscheinend spannender als eine Tageszeitung. Kein Wunder, dass es keine Arbeitslosen in diesem Land gibt. Nach einer Ausstellung über moderne Kunst, regionale Geschichte und mittelalterliche Waffen habe ich alles gesehen. Immerhin habe ich ein bisschen Zeit totgeschlagen.
Beim zweiten Besuch hat das Chagall-Museum geöffnet. Gleich drei Mitarbeiter stehen am Eingangstresen. Meine Jacke muss ich abgeben, ebenso meinen kleinen Rucksack, nur die Kameratasche darf ich mitnehmen. Die ganze Ausstellung ist kleiner als erwartet. Die meisten Bilder sind von ausländischen Museen oder Privatpersonen geliehen oder gestiftet. Nach 15 Minuten sind die ca. 20 Bilder gründlich betrachtet. In der zweiten Etage gibt es einen weiteren Ausstellungsraum, aber leider nicht mit Chagall-Werken, sondern von einem anderen, wohl eher Nachwuchskünstler aus der Region.
Außer dem Chagall-Museum gibt es noch das Chagall-Haus und die Chagall-Statue zu sehen. Das Haus ist den Eintritt leider nicht wert. Es werden nur ein paar Familienbilder gezeigt in Räumen die so aussehen sollen wie Räume zu der Zeit als Chagall in Belarus gelebt hat aussahen. In der Nähe ist auch die Statue von Chagall. Statuen sind in Belarus generell ein beliebtes Fotomotiv. Oft gibt es auch den Aberglaube, dass wenn man an einer bestimmten Stelle reibt, man sich etwas wünschen kann. So doll ich auch den Dingern bisher gerieben habe, mein Wunsch ist bisher noch nicht in Erfüllung gegangen.

Chagall-Haus in Vitebsk.

Chagall-Haus in Vitebsk.

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