Ausgegangen: Plötzlicher Benzinmangel bei meiner Mitfahrgelegenheit auf einer litauischen Autobahn

Ausgegangen: Plötzlicher Benzinmangel bei meiner Mitfahrgelegenheit auf einer litauischen Autobahn

Winter in Osteuropa. Das klingt kalt. Ist es auch. Ich hatte jedoch Glück mit den Temperaturen und das kälteste dürften -15°C – -20°C gewesen sein. Um das Baltikum und die Ukraine kennenzulernen, war ich vom 10.1. bis zum 6.2.2012 unterwegs. Was ich auf meiner Reise erlebt habe, könnt ihr in dieser Artikelserie lesen.

Teil 2

Minsk-Vilnius-Klaipeda

Die bisher zurückgelegte Route von Minsk über Vilnius nach Klaipeda.

Alles schien super zu laufen. Wir waren am frühen Nachmittag in Vilnius losgefahren in Richtung Klaipeda, einer kleinen litauischen Stadt an der Ostsee, die aber früher mal Memel hieß und eine deutsche Stadt war.

Es kam jedoch etwas dazwischen und die Fahrt sollte nicht so schnell gehen wie am Anfang geplant. Doch von vorn.

Meine Couchsufer-Gastgeberin hatte im Internet nach einer Mitfahrgelegenheit in einer Facebook-Gruppe geguckt. So kommt man am schnellsten und billigsten von A nach B in Litauen. Schnell war auch eine Fahrerin gefunden, die zu gewünschter Uhrzeit nach Klaipeda wollte. Sie hieß Kristina und holte mich sogar fast vor meiner Haustür ab, außer mir fuhr noch eine Frau mit. Auf der Fahrt unterhielten wir uns über dieses und jenes, hauptsächlich über Arbeit und meine Reise. Die Straße war teilweise stark verschneit und nur eine Spur befahrbar. Kristina musste langsamer fahren. Doch mit der Zeit wurde es auch dunkel, aber immerhin erreichten wir Kaunas, die zweitgrößte Stadt in Litauen, die etwa auf der Hälfte der Strecke liegt. Weil Kristina, die eigentlich für eine amerikanische Versicherung arbeitet, nebenher noch Uhren verkauft, mussten wir einen kurzen Zwischenstopp an einem Einkaufscenter in der Nähe der Autobahn machen. Auf dem Parkplatz traf sie sich mit einer Frau, die nach kurzem betrachten ihr eine Uhr abkaufte. Da wir Drei eh hungrig waren, beschlossen wir in die Mall zu gehen, um etwas zu essen. Kristina setzte das Auto kurz zurück und fand eine große freie Parklücke, in einem deutlich als Behindertenparkplatz ausgeschilderten Bereich. Mein Gott, dachte ich mir, wieso ausgerechnet hier, es gab doch noch so viele andere freie Parkplätze ganz in der Nähe. Aber vielleicht ist das hier ja auch so üblich. Wer weiß. Hauptsache das Auto, in dessen Kofferraum mein Gepäck sich befand, wird nicht abgeschleppt. Im Einkaufszentrum gingen wir zuerst in einen großen Supermarkt und anschließend zu Hesburger. Der Burgerbrater Hesburger ist die finnische Antwort auf Mc Donalds und hat in allen baltischen Staaten mehrere Filialen.

Weiter ging es, wir wurden immerhin nicht abgeschleppt und ein Strafzettel zierte auch nicht die Windschutzscheibe des kleinen Toyotas.

Inzwischen ist es stockdunkel und wir haben Kaunas hinter uns gelassen. Ich sitze auf dem Rücksitz, vorne Kristina und die andere Frau. Sie unterhalten sich auf litauisch, aber ich merke das irgendetwas nicht stimmt. Dann: Stille. Nach ein paar Minuten erklärt Kristina mir auf Englisch, dass nur noch sehr sehr wenig Benzin im Tank sei und wir schnellstmöglich zu einer Tankstelle müssten. Na toll, dachte ich. Gerade vor 20 Minuten waren wir beim Einkaufszentrum, bei dem auch eine Tankstelle auf dem Parkplatz war.

Es kommt wie es kommen musste. Nach fünf Minuten fängt das Auto an langsamer und langsamer zu werden, Kristina fährt auf den Standstreifen. Das Auto bleibt stehen. Der letzte Tropfen Benzin ist verbrannt. Es ist später Nachmittag, der Himmel stockduster und neben uns donnern die LKWs vorbei. „Fuck!“, brüllt Kristina und haut mit ihren Händen auf das Lenkrad. Ich schaue mich um. Auf der rechten Seite ist Wald, irgendwo scheint dort noch eine Landstraße zu sein. Auf der anderen Seite sind Felder und ganz in der Ferne ein paar Häuser. Wie apathisch sitzen Kristina und die andere Frau da. Ich werde langsam unruhig und frage ob ich das Warndreieck aufstellen solle. „Ein Warndreieck habe ich nicht“, antwortet Kristina. Die Lage wird ja immer besser. Noch einmal versucht sie den Wagen zu starten. Vergebens, nichts passiert. „Was machen wir jetzt?“, frage ich in die Runde. „Wir sollten ein Auto anhalten, dass uns zur nächsten Tankstelle bringt“, schlägt Kristina vor. Na gut. Hier an der Autobahn entlang zu wandern auf der Suche nach der nächsten Tankstelle wäre wahrscheinlich auch sehr idiotisch. Wer weiß schon wie weit die nächste Zapfsäule entfernt ist. 1 Kilometer? 2 Kilometer? 20 Kilometer? Damit ihr Auto besser sichtbar ist, legt sie ihr Handy mit eingeschalteter Taschenlampe auf die Kofferraumabdeckung. Ob das was bringt? Naja gut. Ich mache meine Jacke zu, setze meine Mütze auf, binde mir meinen Schal um, ziehe die Handschuhe an, gehe raus und versuche ihr zu helfen ein Auto anzuhalten.

So stehen wir jetzt zu zweit an der Autobahn, an uns vorbei rauschen hin und wieder schwere LKWs und besonders viele Tanklaster. Immerhin wechseln einige von ihnen auf die Überholspur. In Gedanken sehe ich schon einen der schweren Tanklaster auf uns zurasen, mit hellem Scheinwerferlicht in das kleine Auto krachen, alles explodiert in einem riesigen Feuerball und wir können uns nur durch einen Sprung die Böschung hinunter in den verschneiten Wald retten. Viel Verkehr ist jedoch nicht auf der Straße und wir haben großes Glück. Schon nach etwa zehn Minuten hält ein Auto an. Der Mann mittleren Alters leiht uns sein Warndreieck, dass ich 100 Meter vor dem Auto aufstelle. Kristina will mit dem Mann zur Tankstelle fahren und wir sollen im Auto warten.

Es ist kalt, nicht nur außerhalb des Fahrzeuges. Auch im Innenraum breitet sich die Kälte langsam aus. Ein bisschen sehe ich schon meinen Atem in der Luft. Ich unterhalte mich jetzt mit der Frau, dessen Namen ich bis eben noch nicht kannte, beziehungsweise wieder vergessen hatte. Sie heißt Marija und arbeitet in einer kleinen Stadt in einem Jugendzentrum als Sozialarbeiterin. Bald wird sie ihren Freund aus Italien heiraten. Viele Jahre führten sie eine Fernbeziehung. Flogen hin und her zwischen Italien und Litauen. Gerade kommt sie von dort. Dieses Jahr zieht ihr Freund nach Litauen. Ich erzähle von meiner Fernbeziehung, die erst vor knapp mehr als einer Woche von meiner Freundin beendet wurde. Drei Jahre waren wir glücklich zusammen. Zumindest ich. Ob sie es auch war, kann ja nur sie wissen. Marija fragt mich, wann wir denn zusammenziehen wollten. „Ich weiß es nicht, irgendwann sicher, vielleicht in drei Jahren, aber unsere Zukunft war noch so unbestimmt“, antworte ich ihr. „Es ist wichtig ein Datum zu haben, an dem man zusammenzieht und auf das man hinlebt“, erklärt Marija mir. „Anders geht es nicht.“

Schon nach etwa 20 Minuten kommen Kristina und der Mann zurück mit einem Benzinkanister. „Die nächste Tankstelle war gar nicht so weit“, erklärt sie. „Nur 1,5 Kilometer.“ Wir bedanken uns bei dem netten Mann und fahren gleich zu der besagten Tankstelle. Als wir wieder mit vollem Tank auf der Autobahn sind, erklärt Kristina, dass dies schon ihr zweites Mal war, dass ihr so etwas passiert. Ich denke nach. Jedoch nicht über ihre Dämlichkeit, sondern mehr über Marijas Worte. Sie hat vermutlich sehr Recht. Einerseits hatten meine Ex-Freundin und ich keinen Zeitpunkt an dem wir zusammenziehen wollten, andererseits sind wir beide jung und wollen vermutlich beide uns noch ein wenig ausprobieren. Obwohl wir sehr gut zusammen passten, beziehungsweise ergänzten, zumindest meiner Meinung nach.

Kurz vor Klaipeda müssen wir von der Autobahn runter und Marija in der kleinen Stadt absetzen wo sie arbeitet. Litauische Provinz. Immerhin hat das kleine Nest einen Dom der sehr beeindruckend aussieht, so wie er in der Dunkelheit angestrahlt wird und ganz weiß leuchtet.

Eine halbe Stunde später sind wir endlich am Ziel. Ich gebe Kristina die vorher verabredeten 5€ für die Mitfahrt, nehme mein Gepäck aus dem Kofferraum und gehe zur Haustür meines nächsten Couchsurfer-Gastgebers, einem alten Mann der schon sehr viel Couchsurfer zu Gast hatte und mich bereits erwartet.

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